Das passiert während der haarlosen Zeit

Eine Chemotherapie zerstört die Zellen, die sich wie Krebszellen schnell teilen. Dazu gehören leider auch die Haarwurzeln. Eine Chemotherapie besteht oft aus mehreren Teilen, die unterschiedlich stark auf die Haarwurzeln wirken. Je nach Krebsart gibt es auch Chemotherapien, bei denen das Haar lediglich etwas dünner wird. Dein Arzt kann Dir das im Vorfeld sagen.

Die erste Chemo wirkt sofort. Die Haarwurzeln sterben ab. Du wirst das ziemlich schnell bemerken, denn die Haare werden stumpf und glanzlos. Einige Tage später wirst Du mehr Haare als sonst in der Bürste finden. Die Menge scheint sich täglich zu verdoppeln. Je nach Chemo lässt sich der Tag, an dem sie büschelweise fallen, ziemlich genau vorhersagen.

Die Haare zu verlieren, verursacht meist keine körperlichen Schmerzen. Es kann etwas stechen, kribbeln oder warm werden, als hätte man eine beheizte Badekappe auf. Psychisch ist es für viele die schwerste Zeit der Chemotherapie, weil es die Erkrankung für jedermann sichtbar macht und frau sich stigmatisiert fühlen kann. Der Haarverlust erfolgt nicht gleichmäßig, manche kleinen Stellen bleiben lange behaart.

Haarzellen von Wimpern und Augenbrauen, teilen sich langsamer, deshalb fallen diese Haare auch langsamer aus. Ihr Verlust verändert Dein Gesicht. Auch Schamhaar-Zellen teilen sich langsamer.

Nachdem Du die Chemotherapie abgeschlossen hast – oder auch nur die Komponenten, die Haarwurzel-Zellen töten – dauert es etwa sechs bis acht Wochen, bis die Haare wieder zu wachsen beginnen. Sie wachsen zunächst ziemlich gleichmäßig und sind damit noch weit von einer klassischen (Kurzhaar-)Frisur entfernt, bei der das Deckhaar meist ja deutlich länger ist als die Haare im Nacken.

Oftmals sind sie zunächst recht lockig. Aber freue Dich nicht zu früh, das kann sich schnell wieder geben. Die Farbe kann anders sein als bisher, graue Haare fallen mehr auf. Bestimmte Wirbel und Wellen, die Dich vielleicht auch genervt haben, können verschwunden sein oder an anderer Stelle entstehen.

Die ersten Haare sind noch ziemlich schwach. Es kann helfen, sie noch einmal abzurasieren. Oft brechen sie noch so häufig ab, dass Du das Gefühl hast, da wächst gar nichts. Viele von uns werden mit dichterem, kräftigem Haar für die entbehrungsreiche Zeit belohnt. Manche von uns hingegen kehren leider nicht zu alter Pracht zurück. Bis zur ersten brauchbaren Kurzhaar-Frisur kann ein halbes Jahr ab Start des Haar-Wachstums vergehen. Für alles, was länger ist, musst Du schon mit einem Jahr rechnen. Die Schamhaare brauchen länger, bis sie wieder wachsen. Vielleicht machst auch Du die Erfahrung, dass ausgerechnet an Beinen und Armen richtig Wolle wächst, aber auch das normalisiert sich in den meisten Fällen wieder.

Eine haarige Entscheidung

Es gibt verschiedene Wege, mit drohendem Haarverlust umzugehen.

Häufig wird empfohlen, sich nach der Diagnose die Haare kurz schneiden zu lassen, um sich schon mal ein wenig an das veränderte Aussehen zu gewöhnen, und spätestens dann, wenn die Haare büschelweise fallen, zum Rasierer zu greifen und kurzen Prozess zu machen. Damit vermeidet man Haare überall in der Wohnung, Haare im Duschabfluss, Haare im Essen, Haare morgens auf dem Kopfkissen (oder schlimmer noch im Mund) sowie waschmaschinenresistent auf der Kleidung. Zudem ist die Glatze dann von Anfang an gleichmäßig schön.

Jede Empfehlung ist aber eben nur eine Empfehlung. Vielleicht ist Dein Weg auch, die Standhaften zu feiern, weil Du ohnehin nicht vorhast, oben ohne zu gehen. Auch wenn die Büschel fallen, es gibt immer auch ein paar Resistente, die treu zu Dir halten. Es wird vermutlich bis zum Ende der Chemo ein paar Fleckchen Haare auf Deinem Kopf geben.

Haarverlust vermeiden

So, wie die Ärzte versuchen, Nervenschäden in Fingern und Zehen zu vermeiden, indem sie die Hände und Füße mit Eis kühlen und damit die Zirkulation des Blutes verringern, gibt es Versuche, mit speziellen Kühlkappen den Verlust der Haare zu reduzieren. Keine von uns hier hat damit bislang Erfahrungen. Wenn Du die Möglichkeit hast, das zu probieren, nutze die Chance.

Letztendlich rasieren sich viele Frauen jedoch die Haare ab, wenn diese beginnen auszufallen, um schleichenden Haarverlust zu vermeiden – gut möglich, dass das Ergebnis dieser Kühlkappe nicht überzeugt, weil eben deutlicher Haarverlust schlimmer aussieht als eine glatte Glatze.

Perücke

Vielleicht geht es auch Dir so, dass Du Dich mit Perücke verkleidet fühlst. Eine Perücke kann unehrlich erscheinen, weil sie etwas vorzugeben scheint, was nicht ist. Na und? Du bist nicht verpflichtet, jedem gleich auf die Nase zu binden, dass Du krank bist oder krank warst. Du darfst ohne schlechtes Gewissen dem Normal-Schema mit Haupthaar entsprechen.

Vielleicht kommt für Dich eine Perücke auch gar nicht infrage. Lass Dich dennoch beraten. Bedenke, irgendwann möchtest Du vielleicht doch einmal unter (fremde) Leute gehen, die Dir nicht gleich Deine Geschichte ansehen sollen – zum Beispiel im Kundenkontakt, wenn Du wieder ins Berufsleben einsteigst. Oder wenn Du mal ausgehen und richtig feiern willst, weil Du von all der Therapie und dem Kranksein so richtig die Nase voll hast.

Noch vor Beginn der Chemotherapie bekommst Du ein Rezept und Empfehlungen für Zweithaar-Spezialisten. Auch wenn Du Dich mit diesem Problem noch nicht auseinandersetzen möchtest: Jetzt ist der beste Zeitpunkt, einen solchen Friseur aufzusuchen. Denn solange Du Dein Haar und Deine Frisur noch hast, kann sich der Experte einen Eindruck von Farbe und Struktur Deiner Haare machen und passende Modelle aussuchen. Mit Haaren drunter sehen Perücken etwas aufgesetzt und unnatürlich aus. Wenn Du Deine Haare verloren hast, lass Dir die Perücke vom Spezialisten noch einmal anpassen und, wenn nötig, den Pony schneiden.

Die Krankenkasse bezahlt einen Festpreis, Dir bleibt die Zuzahlung und die Differenz. Echthaarperücken sind deutlich teurer und aufwändiger zu pflegen. Den meisten Kunsthaar-Perücken sieht man heutzutage nicht mehr an, dass sie Perücken sind. Sicherlich entwickelst Du einen besonderen Blick und erkennst die kleinen, aber feinen Unterschiede. Die meisten Menschen werden Dir das Kunsthaar jedoch nicht anmerken.

Perücken sind recht leicht zu pflegen. Es gibt Spezialshampoo und Conditioner. Bei normaler Belastung bedürfen sie frühestens alle drei Wochen einer Reinigung. Sie dürfen im nassen Zustand nicht gerubbelt, geföhnt oder gekämmt werden. Das Trocknen dauert dafür lange, etwa zwölf Stunden. Du benötigst ein einfaches Gestell, auf dem sie trocknet, oder ein Handtuch. Man kann sie gut im flachen Karton transportieren.

Perücken sind hitzeempfindlich, daher halte sie von der Küche fern! Einmal Spaghetti abgießen oder Backofen öffnen, und die Haare verschmelzen. Das gleiche gilt für Sauna und Solarium, Föhn, und ähnliches. Perücken haaren. Mit der Zeit verlieren auch Perücken Haare, sodass das Netz langsam sichtbar wird. Sie können an Stellen, auf die häufig Druck ausgeübt wird oder wo sie auf die Schultern stoßen, verfilzen oder brechen. Auch Perücken kann man nachschneiden (lassen), leider wachsen die Haare aber nicht nach.

Perücken können verrutschen – und anders als bei Tüchern sieht das furchtbar aus. An Perücken herumzuziehen wie an einem schlecht sitzenden Kleid, ist verräterisch und sieht blöd aus. Es bedarf daher etwas Übung und Erfahrung. Einen Taschenspiegel dabei zu haben, lohnt sich. Wenn Du (am Anfang) unsicher bist, gibt es einen Trick: Setze auf die Perücke noch ein Tuch, einen Hut, eine Kappe oder ein Stirnband und verleihe ihr damit mehr Halt und Dir mehr Gelassenheit.

Wenn Dir die Kombination von Perücke und Kopfbedeckung lieb ist, dann kannst Du auch auf Teilperücken zurückgreifen. Der Haarkranz sieht ein bisschen aus wie die Luther’sche Tonsur. Dem fertigen Anblick sieht man nicht an, dass Haare fehlen, aber Dein Kopf ist luftiger. Perücken aus dem Faschingsversand haben je nach Preis eine sehr unterschiedliche Qualität. Die meisten sind als Frisur jedoch nicht zu gebrauchen. Aber für den Spaß bieten sie eine Alternative – auf Partys mit der Frisur eines Stars, in den Nationalfarben an den Spieltagen eines Fußball-Turniers – und damit eben auch ein bisschen Abwechslung.

Textilien

Um Textilien kommst Du nicht herum. Zumindest im Winter benötigst Du einen Schutz für Deinen nackten Kopf, draußen und – je nach Zimmertemperatur – auch zum Schlafen. Wenn Du nicht oben ohne gehen möchtest, dann brauchst Du trotz Perücke Textiles, weil Deine Perücke ja nicht alles ertragen kann. Also für überall, wo es heiß und nass ist, und für alle Orte, an denen Deine Perücke zu schnell dreckig oder nass würde: Gartenarbeit, Sport und ähnliches.

Es gibt inzwischen viele Hersteller – oft von ehemaligen Betroffenen – die tolle Mützen, Kappen und vorgeknotete Tücher anbieten. Bei der Suche im Internet oder auf Empfehlung von Mitbetroffenen wirst Du schnell fündig werden. Vieles ist mit viel Liebe handgefertigt und kostet entsprechend mehr als bei der Kaufhaus-Kette. Spare hier nicht, denn diese Kleidungsstücke sind in den nächsten Monaten im täglichen Einsatz. Du brauchst etwas, was zu Deinem Stil passt und womit Du Dich richtig wohlfühlst.

Ergänzend gibt es auch noch einige preiswerte Varianten: Es gibt tolle Wickeltechniken für große, handelsübliche Tücher. Im Internet findest Du viele Anleitungen und Filme. Es bedarf allerdings einiger Übung und einiger Zeit bei der täglichen Anwendung. Ein Hut, eine Mütze, eine Kappe – dafür braucht man nicht unbedingt einen Spezialanbieter. Achte dennoch auf das Material. Hier sollte nichts kratzen, denn Du trägst die Kopfbedeckung ja anders als andere auf nackter, empfindlicher Haut. Für kühle Nächte solltest Du eine nahtlose Mütze haben. Es gibt auch hier tolle wie witzige Modelle. Als preiswerteste Alternative hat sich ein schlichtes Schlauchtuch erwiesen.

Mit Textilien kannst Du einen eigenen Stil kreieren, der die Blicke auf Dich lenkt. Wenn Du selbst schneidern kannst, kannst Du Dir die Kopfbedeckung passend zur Oberbekleidung gestalten. Hüte und Tücher mit Schlaufen ermöglichen es, Dekobänder und schmale Tücher einzuziehen – passend zur Oberbekleidung, zur Jahreszeit oder zum Anlass. Du wirst Fans haben, die schon gespannt sind, was Du zu ihrem Geburtstag oder zu Weihnachten trägst.

Glatze

Viele sind überrascht, wie schön sie auch ohne Haarpracht aussehen. Das Gesicht kommt dabei besonders gut zur Geltung. Oben ohne vor die Haustür zu treten, ist mutig, aber längst nicht mehr unüblich. Am Kopf verliert der Mensch besonders viel Körperwärme. An kalten Tagen und in kühlen Nächten solltest Du Dich daher doch für eine Kopfbedeckung entscheiden. Sonnenschutz ist das A und O, zumal diese Haut ja überhaupt keine Erfahrung mit der Sonne hat. Selbstverständlich bedarf Deine Kopfhaut auch feuchtigkeitsspendender Pflege.

Wimpern und Augenbrauen

Durch Make-up kannst Du dünner werdende Wimpern und Augenbrauen betonen oder fehlende ersetzen. Die meisten Kliniken bieten kostenfreie Schminkkurse an. Auch im Internet sind leicht Schmink-Tutorials zu finden. Du kannst Dir auch ein permanentes Make-up machen lassen.