Dialoge

Fragen über Fragen. Gerade bei einer Krankheit wie Krebs stellen sich davon gleich Dutzende. Unsere Dialoge zeigen Interviews mit ÄrztInnen, PatientenberaterInnen, Betroffenen, Angehörigen und vielen anderen spannenden Persönlichkeiten. Die Interviews stammen aus dem Magazin „perspektive“ der Frauenselbsthilfe nach Krebs und wurden uns freundlicherweise für diese Rubrik zur Verfügung gestellt.

Gut vorbereitet ins Krankenhaus und zum Arzt – Tipps einer Patientenberaterin

Quelle: Zeitschrift der Frauenselbsthilfe „perspektive“ 01/2015, S. 12 ff. (PDF-Version im Original)

Gut vorbereitet ins Krankenhaus und zum Arzt – Tipps einer Patientenberaterin

Angelika Grudke, Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württemberg der Frauenselbsthilfe nach Krebs, berät seit vielen Jahren ratsuchende Patientinnen und Patienten am Telefon. Für die Aufgabe als Telefonberaterin, die sie sich im wöchentlichen Wechsel mit zwölf weiteren FSH-Mitgliedern teilt, wird sie regelmäßig in speziellen Seminaren geschult. Wir wollten von ihr wissen, welche Tipps sie Anruferinnen gibt, die gerade erst die Diagnose Krebs erhalten haben und bei denen eine Operation kurz bevor steht.
Wer die Diagnose Krebs erhält, der wird häufig sofort mit Informationen überflutet. Vielen Patienten fällt es in dieser Situation schwer, den Erläuterungen des Arztes zu folgen. Was raten Sie Betroffenen, die sich bei Ihnen melden?

Nach dem Schock der Diagnose sind die meisten Betroffenen nicht aufnahmefähig. Informationen, die sie dann vom Arzt erhalten, können sie häufig weder verarbeiten noch abspeichern. Wir empfehlen daher, den Arzt um ein weiteres Gespräch zu bitten. Vor diesem Termin sollte man sich schon mal selbst über die Krankheit informieren. Qualitätsgesicherte, laienverständliche Informationen findet man beim Krebsinformationsdienst (KID) – entweder im Internet ( www. krebsinformationsdienst.de) oder auch telefonisch über die kostenlose Hotline des KID (Tel.: 0800 – 420 30 40).

Welche Tipps haben Sie für Betroffene, damit das Gespräch beim Arzt möglichst hilfreich ist?

In der Aufregung vergessen viele Patienten zu fragen, was ihnen wichtig ist. Wir raten den Betroffenen daher, sich wichtige Fragen vorab zu notieren und den Zettel beim Arztgespräch dabei zu haben. Sehr hilfreich ist es auch, sich eine Begleitung mitzunehmen, denn vier Ohren hören mehr als zwei. Partner oder Freunde sind zudem emotional meist besser in der Lage, das Gesagte aufzunehmen als die Betroffenen selbst.

Was mache ich denn, wenn ich trotzdem nicht alles verstehe, was die Ärzte mir erläutern?

Da sollten Sie keine Hemmungen haben, so lange nachzufragen, bis Sie alles verstanden haben. Und wenn Sie zuhause feststellen, dass Punkte unklar geblieben sind, dann vereinbaren Sie einen weiteren Gesprächstermin. Der Arzt hat die Verpflichtung, Ihnen alles so lange zu erklären, bis Sie es verstanden haben. Und noch ein Tipp: Gespräche mit Gleichbetroffenen können die Informationen des Arztes meist sehr gut ergänzen. Es lohnt sich daher, Kontakt zur Selbsthilfe aufzunehmen; entweder zu unserer Telefonberatung, zu einer Gruppenleiterin vor Ort (Adressen unter www. frauenselbsthilfe.de/gruppen) oder zu den Teilnehmerinnen im Forum der FSH im Internet  https://forum.frauenselbsthilfe.de

Was raten Sie Anrufern, die zusammen mit der Diagnose Krebs auch direkt den Operationstermin erhalten haben und noch völlig verunsichert sind?

Das erste, was wir in so einer Situation betonen: Krebs ist in aller Regel kein Notfall und eine Operation innerhalb weniger Tage daher nicht notwendig. Lassen Sie sich nicht zu etwas drängen, das Sie noch gar nicht vollständig begriffen haben. Wenn Sie noch nicht 100- prozentig überzeugt davon sind, dass jetzt genau das Richtige geschieht, sollten Sie den Operationstermin ohne zu zögern wieder absagen.

Es ist sehr wichtig, dass die Entscheidung über Ihre Behandlung gemeinsam mit Ihnen getroffen wird und nicht über Ihren Kopf hinweg.

Könnten Sie dafür ein Beispiel anführen?

Ein gutes Beispiel dafür stellt die Behandlung von Brustkrebs dar. Ist aus medizinischen Gründen eine teilweise oder vollständige Entfernung der Brust erforderlich, dann gibt es viele Möglichkeiten des weiteren Vorgehens. Es kann direkt während der OP ein Brustaufbau erfolgen – hier gibt es wiederum sehr viele Möglichkeiten –, es kann zu einem späteren Zeitpunkt ein Brustaufbau erfolgen. Und manche Frauen entscheiden sich auch lieber für das Tragen einer Prothese, weil sie zum Beispiel keine weiteren Operationsnarben haben möchten, die ein Brustaufbau mit Eigengewebe z.B. an Bauch oder Rücken mit sich bringt.

Hier ist es sehr wichtig, sich über die verschiedenen Möglichkeiten vorab gründlich zu informieren und gegebenenfalls auch eine Zweitmeinung einzuholen. Wir haben schon häufiger von Fällen gehört, bei denen Frauen unglücklich über die Operation waren, weil sie im Nachhinein – mit dem dann erworbenen Wissen – eine ganz andere Entscheidung getroffen hätten.Patienten haben heute das Recht darauf, sich eine zweite Meinung einzuholen. Ist das generell empfehlenswert oder nur, wenn man sich unsicher ist?

Patienten haben heute das Recht darauf, sich eine zweite Meinung einzuholen. Ist das generell empfehlenswert oder nur, wenn man sich unsicher ist?

Eine zweite Meinung ist nur dann erforderlich, wenn Patienten sich mit dem vorgeschlagenen Behandlungsweg nicht wohl fühlen oder sich mit den Empfehlungen der behandelnden Ärzte schlecht auseinandersetzen können. Wie schon anfangs betont, ist es psychologisch sehr wertvoll, wenn man von der eigenen Therapie überzeugt ist und z.B. die geplante Operation voller Vertrauen angegangen werden kann. Sollten Zweifel an der Richtigkeit des Vorgehens bestehen, ist es besser, sich Gewissheit zu verschaffen. Eine zweite ärztliche Meinung kann dabei hilfreich sein.

Zur Vorbereitung auf einen Krankenhausaufenthalt gehört auch die Wahl der richtigen Klinik. Was raten Sie Anruferinnen, wie sie eine geeignete Klinik finden?

Welche Klinik im individuellen Fall für die Behandlung am besten geeignet ist, sollten die Patienten in jedem Fall mit dem einweisenden Facharzt besprechen. Auch hier lohnt es sich aber, sich selbst vorab zu informieren.

Seit 2008 gibt es in Deutschland ein Zertifizierungssystem für Krankenhäuser, die Tumorerkrankungen behandeln. Die zertifizierten Tumorzentren sind Einrichtungen, die sich auf die Behandlung von einer oder mehrerer Krebserkrankungen spezialisiert haben und hohe Qualitätsanforderungen erfüllen. Sie bieten eine Versorgung nach dem besten Stand des medizinischen Wissens an.

Wer beispielsweise an Brustkrebs erkrankt ist, sollte sich in jedem Fall in einem Brustzentrum behandeln lassen. Zertifizierte Einrichtungen sind fast überall in Deutschland vorhanden. Eine Suchmaschine bietet die Deutsche Krebsgesellschaft im Internet an:  www.oncomap.de.

Plant der Arzt die Einweisung in eine Klinik ohne Zertifizierung, obwohl ein Tumorzentrum in erreichbarer Nähe ist, sollten Sie zumindest nachfragen, warum er so entscheidet.

Das richtige Krankenhaus ist gefunden und die Operation steht kurz bevor. Können Patienten davon ausgehen, dass die behandelnden Ärzte ihnen alle wichtigen Fragen stellen?

Patienten sollten besser nicht davon ausgehen, dass die behandelnden Ärzte ihr gesamtes Umfeld berücksichtigen. Daher ist es wichtig, bestimmte Punkte selbst anzusprechen, auch wenn diese scheinbar in keinerlei Zusammenhang mit der Krebserkrankung oder der geplanten Operation stehen. So sollte beispielsweise ungefragt auf bereits bestehende Vorerkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenprobleme usw. hingewiesen werden. Auch Medikamente, die man regelmäßig einnimmt, sollten angesprochen werden.

Außerdem ist es wichtig, auf die eigenen Lebensumstände hinzuweisen. Wer z.B. allein erziehend ist und niemanden hat, der sich um die Kinder kümmert, dem wird womöglich ein anderes Vorgehen bei der Operation empfohlen. Gleiches gilt für Patienten, die alleinstehend sind und niemanden haben, der sich nach der Operation zuhause um sie kümmert.

Nach der Operation wird in den meisten Fällen direkt anschließend eine Rehabilitationsmaßnahme bzw. Anschlussheilbehandlung empfohlen. Was raten Sie Anruferinnen, die sich unsicher sind, ob oder an welcher Maßnahme sie teilnehmen sollen.

Die Diagnose Krebs ist für die meisten Menschen ein Schock, der seelisch, körperlich und sozial verarbeitet werden muss. Zu der sehr belastenden psychischen Lage kommen die Operation und belastende Therapien. In dieser Situation ist es empfehlenswert, eine onkologische Anschlussheilbehandlung in Anspruch zu nehmen.

Anrufern versuchen wir im Gespräch zu helfen, ihre persönlichen Ziele für die Teilnahme an einer solchen Maßnahme zu klären. Wir zählen Aspekte auf, die für eine solche Maßnahme sprechen, damit die Ratsuchenden eine informierte Entscheidung treffen können. Wir zeigen beispielsweise die Möglichkeit auf, dass eine Reha-Maßnahme sowohl stationär als auch ambulant wahrgenommen werden kann.

Liebe Frau Grudke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Krebsschmerzen wirksam bekämpfen

Quelle: Zeitschrift der Frauenselbsthilfe „perspektive“ 02/2015, S. 12 ff. (PDF-Version im Original)

Wichtig für mehr Lebensqualität

Krebsschmerzen wirksam bekämpfen

Unter Tumorschmerzen verstehen Mediziner Schmerzen, die im Rahmen einer Krebserkrankung auftreten. Sie können die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Wir haben Privatdozent Dr. Stefan Wirz, Sprecher des Arbeitskreises Tumor- schmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft, gefragt, wie Tumorschmerzen heutzutage therapiert werden und worauf Patienten achten sollten.
Würden Sie der Aussage zustimmen, dass heute 90 Prozent aller Tumorpatienten erfolgreich schmerztherapeutisch behandelt werden können?

Dies ist glücklicherweise so richtig. Schmerzmediziner verfügen über ein breites Repertoire verschiedener Schmerztherapieverfahren. Dies beginnt mit der Gabe von schmerzstillenden Medikamenten, welche bereits eine hohe Erfolgsrate aufweisen. Hat man damit keinen Erfolg, stehen sogenannte minimalinvasive Verfahren zur Verfügung. Dabei handelt es sich um „Spritzentechniken“, die in den Körperregionen angewendet werden, wo der Schmerz sitzt oder an den Nerven, die für die Schmerzweiterleitung aus den schmerzenden Körperregionen zuständig sind. Außerdem kann der Schmerzmediziner die Brücke zur Fachrichtung der Psychoonkologie schlagen, wenn es um die Verarbeitung der Tumorsituation und ihre Einflüsse auf die Schmerzwahrnehmung geht.

Deutschland hat den Ruf, dass Schmerzpatienten deutlich unterversorgt sind. Trifft das auch auf Tumorpatienten zu?

In den vergangenen 15 Jahren hat sich sehr viel getan. Dennoch stimmt Ihre Einschätzung. Bei den „Nicht-Tumor-Schmerzen“ rechnen wir mit 2,2 Millionen Patienten, die in der gegenwärtigen Versorgungslage nur zu einem Bruchteil Zugang zu einer adäquaten Schmerztherapie erhalten. Ähnlich ist es auch bei Tumorschmerzen, was umso fataler ist, als bei einigen Patienten nur eine begrenzte Zeit gegeben und ein frühes Handeln erforderlich ist.

Nach verschiedenen Studien soll die Zahl unterversorgter Tumorschmerzpatienten ca. 50 Prozent betragen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass hierbei erhebliche regionale Unterschiede bestehen. So sind Menschen in Ballungszentren besser gestellt als in großflächigen Regionen mit niedriger Bevölkerungsdichte. Hierbei ist der Ansatz der SAPV und AAPV, also der spezialisierten bzw. ambulanten Palliativversorgung eine segensreiche Lösung, welche jedoch bevorzugt Patienten in einem weit fortgeschrittenen Tumorstadium anspricht. Wir benötigen aber außerdem eine frühere Behandlung von Tumorpatienten, die bereits während der Tumortherapie unter Schmerzen leiden. Hier ist der Schmerzmediziner gefordert.

Was können die Ursachen für die schmerztherapeutische Unterversorgung von Tumorpatienten sein?

Es gibt verschiedene Gründe: Oft ist den Patienten gar nicht bewusst, dass es Schmerzmediziner gibt. Häufig höre ich den Satz: „Hätte ich doch schon früher gewusst, dass es hier eine Schmerzambulanz gibt! Dann wäre mir viel Leid(en) erspart worden.“ Andererseits erfahren die behandelnden Onkologen oder auch Hausärzte nicht, dass ihre Patienten unter Schmerzen leiden. Gründe dafür sind, dass entweder nicht nachgefragt wird, da ja eine Tumorbehandlung im Vordergrund steht und nicht die Begleiterscheinung Schmerz, oder dass Patienten ihre behandelnden Ärzte nicht informieren. Dahinter steht wiederum die Angst, dass dann eine Tumorbehandlung weniger konsequent durchgeführt wird oder dass der Patient den Arzt nicht „enttäuschen“ möchte, wenn er von unangenehmen Symptomen berichtet. Weitere Gründe sind die mangelnde Ausbildung in Schmerzmedizin, was sich aber zum Glück durch die Einführung des Pflichtfachs Schmerz in der studentischen Ausbildung schrittweise verbessern wird. Selten stehen andere Ängste einer effektiven Therapie entgegen wie z.B. die Angst vor Sucht, vor Nebenwirkungen oder vor einer Stigmatisierung.

Gibt es eine Leitlinie zur Behandlung von Tumorschmerzen und wenn ja, ist sie den Ärzten, die Tumorpatienten behandeln, in ausreichendem Maße bekannt?

Es gibt seit Jahrzehnten das sogenannte Stufenschema der World Health Organisation (WHO-Stufenschema). Außerdem wurde ganz aktuell eine Leitlinie Palliativmedizin veröffentlicht, die in einem Kapitel auch auf die Schmerzmedizin eingeht. Es handelt sich dabei allerdings um die Übertragung einer europäischen Palliativveröffentlichung. Die Deutsche Krebsgesellschaft erarbeitet zudem eine Leitlinie Supportiv-Therapie. Die Deutsche Schmerzgesellschaft konstituiert sich derzeit in der Erfassung des Bedarfs weiterer Leitlinien.

Wie auch immer, jeder deutsche Arzt kann auf ausreichendes Informationsmaterial hinsichtlich der Tumorschmerzbehandlung zurückgreifen. Der Arbeitskreis Tumorschmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft hat öffentlich zugängliche Materialien für alle Interessierte zusammengestellt. Insofern müsste jedem Arzt zumindest bekannt sein, wo er entsprechende Informationen für die „richtige“ Behandlung findet. Schließlich kann sich nicht jeder Arzt auf dieses Thema spezialisieren.

Sie führen das WHO-Stufenschema an. Was versteht man darunter?

Das WHO-Stufenschema beschreibt konkret, welche Substanzen und Verfahren man zur Behandlung von Tumorschmerzen einsetzen kann. Dabei wird entsprechend der Schmerzstärke bzw. Wirksamkeit der aktuellen Therapie die Schmerztherapie verstärkt, bis eine ausreichende Schmerzfreiheit erzielt ist. In der ersten Stufe kommen z.B. sogenannte Antirheumatika zum Einsatz, wie das Diclofenac oder die Sub- stanz Novaminsulfon. Ist dies nicht ausreichend, werden zunächst schwach wirkende Opioide, also morphinähnliche Stoffe, gegeben. Sollten diese nicht wirken, dann geht man über zu stärker wirksamen Opioiden.

Was ist der Unterschied von kausaler und symptomatischer Schmerztherapie?

Eine kausale Therapie zielt auf den „Grund“ ab, also die Beseitigung des Tumors selbst. Die symptomatische Behandlung behandelt das, was der Tumor oder auch die „kausale“ Therapie verursachen kann, nämlich Schmerzen und weitere unangenehme Erscheinungen wie Übelkeit oder Verstopfung. Die Behandlung dieser „Kollateralschäden“ ist wichtig für die Erhaltung der Lebensqualität der Patienten und hilft, eine kausale Therapie, also die zur Beseitigung des Tumors, konsequenter anzuwenden. Dies nützt dem Patienten.

Es gibt neuropathische, viszerale, Weichteilund Knochenschmerzen. Sind diese Schmerzarten alle gleichermaßen gut zu behandeln?

Neuropathische Schmerzen sind Nervenschmerzen, die durch die Behandlung des Tumors oder durch das Tumorwachstum selbst erzeugt werden. Sie sind sehr hartnäckig und beunruhigend, z.B. durch spontane Attacken oder brennende Missempfindungen. Viszerale Schmerzen, Weichteil- und Knochenschmerzen stellen Gewebeschmerzen dar. Beide Schmerzarten können unterschiedlich behandelt werden. Die Behandlung von Nervenschmerzen ist besonders schwierig, aber auch Gewebeschmerzen können bei bestimmten Tumorarten, wie z.B. dem Sarkom, ebenso problematisch zu behandeln sein. Wenn Medikamente nicht ausreichen, sollte der Schmerzmediziner minimalinvasive Verfahren, „Spritzentechniken“ im weiteren Sinne, anbieten.

Gilt heute, genau wie bei der Tumortherapie, dass die Schmerztherapie maßgeschneidert sein muss?

Trotz eines WHO-„Schemas“ muss eine Tumorschmerztherapie individuell auf den Patienten zugeschnitten werden. Schmerzmediziner haben daher ein größeres Zeitkontingent für die Eingangsuntersuchung als andere Mediziner und können so besser analysieren, was der Patient konkret benötigt. Einbezogen in die Auswahl der Therapieverfahren werden Vorerkrankungen, wie z.B. des Magens oder eine Gefäßerkrankung, Unverträglichkeiten und Symptome wie Schwindel oder Müdigkeit.

Kann es auch bei Tumorpatienten zu einer Chronifizierung der Schmerzen kommen?

In den gängigen Lehrbüchern findet sich häufig eine Dreiteilung von Schmerz als Akutschmerz, chronifizierter Schmerz und Tumorschmerz, die impliziert, dass sich diese Schmerzarten gegenseitig ausschließen, also nicht gemeinsam auftreten. Aber natürlich kann es auch bei Tumorschmerzpatienten zur Schmerz-Chronifizierung kommen.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Behandlung bei einer Chronifizierung von Schmerzen?

Tritt bei einem Tumorschmerzpatienten ein Chronifizierungsprozess ein, ist es sehr wichtig, dass dieser erkannt wird, denn die Betroffenen werden dann eher einem multimodalen Behandlungskonzept mit all seinen Facetten zugeführt. Dies umfasst die Einbeziehung von mindestens zwei Fachdisziplinen. Zu der medikamentösen Therapie und minimalinvasiven Verfahren kommt dann auch eine psychiatrische, psychosomatische oder psychologische Disziplin, spezielle Physiotherapie, Entspannungsverfahren, Kunst- oder Musiktherapie.

Wie stark spielt die Psyche in die Wahrnehmung der Patienten hinein?

Angst, Depression und sozialer Rückzug sind typische Schmerzverstärker. Zumal der Tumorpatient nachvollziehbarerweise hinsichtlich seiner Körperwahrnehmung vermehrt aufmerksam ist, kann es zu einem – wie wir es benennen – hypervigilanten Wahrnehmungszustand hinsichtlich Schmerzen kommen. Dies führt zu einer subjektiven Schmerzverstärkung, was nichts mit „Simulieren“ zu tun hat, sondern mit inneren Lernprozessen. Man muss dabei bedenken, dass Tumorerkrankungen häufig den Schmerz als Erstsymptom zeigen. Damit wird die Schmerzstärke mit dem Fortschreiten eines Tumors assoziiert. Dem ist aber nicht zwingend so.

Spielen Antidepressiva eine Rolle bei der Schmerztherapie?

Antidepressiva finden in der Schmerzmedizin – übrigens zusammen mit Antiepileptika – häufig Anwendung zur Behandlung von Nervenschmerzen. Ganz deutlich: Wir setzen sie nicht zur Behandlung depressiver Zustände ein, dafür sind andere Fachrichtungen besser spezialisiert. Geht es um Depression, ziehen wir den Psychoonkologen zu Rate. In unserem Haus übernimmt dies unsere Schmerzpsychologin, die dafür das entsprechende Fachwissen besitzt.

Sind Patienten ggf. auch selbst schuld an einem ausbleibenden Therapieerfolg, weil sie ihre Medikamente falsch oder gar nicht einnehmen? Falls ja, wie könnte hier Abhilfe geschaffen werden?

Schuld ist das falsche Wort. Oft werden die Medikamentenpläne nicht richtig verstanden, obwohl vielleicht schon mehrfach erklärt. Es gibt Patienten, die befürchten, als „süchtig“ dazustehen, wenn sie Opioide einnehmen. Manche Patienten glauben auch, dass Opioide – also morphinähnliche Stoffe – nur gegeben werden, wenn der Tod nahe ist. Dies sind Mythen, die allerdings immer wieder Anlass dafür sind, die Medikamentenpläne nicht einzuhalten.

Wenig hilfreich ist es dann, wenn mitbehandelnde Ärzte unbedachte Äußerungen machen, wie: „Da nehmen Sie aber einen Hammer ein.“ Dies verunsichert den Patienten und stört das Vertrauen, ohne die eine Schmerzbehandlung nicht funktionieren kann. Wichtig ist es also herauszufinden, wovor der Patient Bedenken oder Angst hat, den Medikationsplan genau zu erklären und möglichst auch die Angehörigen mit einzubeziehen.

Spielt der Zeitpunkt eine Rolle, an dem mit der Behandlung begonnen wird ? Ist es beispielsweise relevant, wie frühzeitig ein Patient auf seine Schmerzen aufmerksam macht?

Ja, absolut. Je früher die Schmerzbehandlung einsetzt, desto effektiver werden Verstärkereffekte minimiert. Eigentlich sollte jeder Patient regelmäßig zu Schmerzen befragt werden.

Was sollten Patienten Ihrer Meinung nach tun, wenn sie sich schmerztherapeutisch schlecht versorgt fühlen?

Die Deutsche Schmerzgesellschaft führt eine Liste ihrer Mitglieder und dementsprechend auch der Schmerzmediziner, an die man sich wenden kann. Viele Onkologen und Hausärzte kennen die Adresse der nächsten Schmerzambulanz oder eines Krankenhauses mit einer Schmerzabteilung. Dies sollte der Patient einfordern. Angehörige sollten hier mithelfen.

Sehr geehrter Herr Dr. Wirz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Behandlungsoptionen in der Brustkrebstherapie – Fragen an Prof. Dr. Christian Jackisch

Quelle: Zeitschrift der Frauenselbsthilfe „perspektive“ 03/2014, S. 4 ff. (PDF-Version im Original)

Interview

Behandlungsoptionen in der Brustkrebstherapie – Fragen an Prof. Dr. Christian Jackisch

Eines ist sicher: Wer an Brustkrebs erkrankt, der sollte sich in einem darauf spezialisierten Zentrum behandeln lassen. Wie die Behandlung im Einzelfall genau aussieht, hängt dann aber von verschiedenen Faktoren ab. Die „eine richtige“ Brustkrebstherapie, die für jede Patientin passt, gibt es nicht. Wir haben Prof. Dr. Christian Jackisch vom Brustzentrum Offenbach zu bestimmten Optionen und neuen Erkenntnissen in der Brustkrebstherapie befragt.
Brustkrebspatientinnen, die hormonrezeptorpositiv sind und sich noch vor der Menopause befinden, erhalten in den meisten Fällen eine Antihormontherapie mit Tamoxifen. Bisher war die Behandlungszeit auf fünf Jahre begrenzt. Seit ein paar Jahren gilt nun aber die Empfehlung, Tamoxifen über eine Dauer von zehn Jahren einzunehmen. Was hat zu dieser Änderung der Behandlungsempfehlung geführt und welche Vorteile ergeben sich für die so behandelten Patientinnen?

Es ist eine faszinierende Erkenntnis, dass die antihormonelle Therapie für eine Dauer von bis zu zehn Jahren eine relevante Reduzierung der Rückfälle und sogar eine Überlebensverbesserung bieten kann. Sie basiert auf den Resultaten der ATLAS und ATTOM Studie, in denen rückfallfreie Brustkrebspatientinnen nach einer fünfjährigen Therapie mit Tamoxifen entweder für weitere fünf Jahre mit Tamoxifen behandelt wurden oder nicht. In der Kontrollgruppe, die Tamoxifen insgesamt zehn Jahre einnahm, konnte das Gesamtüberleben verbessert werden, aber auch das lokalrezidivfreie Überleben.

Diese lange Therapiedauer ist bei Frauen wirksam, bei denen das Abschalten des Signalwegs, der das Wachstum von Tumorzellen reguliert, erfolgreich funktioniert. In meiner klinischen Praxis wird die Langzeittherapie Frauen empfohlen, die von Beginn an ein erhöhtes Rückfallrisiko aufweisen, wie z. B. positive Lymphknoten, große Tumoren oder ein schlechtes Grading (Grad der Abweichung vom normalen Gewebebild). Hier ist vor allem Behandlungsoptionen in der Brustkrebs eine gute Beratung erforderlich, die in Kooperation mit allen betreuenden Ärzten vorgenommen werden sollte. Eine einfache Verlängerung der Therapie im „Hausgebrauch“ ist nicht zu empfehlen.

Leider gibt es ja auch Fälle, bei denen eine Antihormontherapie nicht anschlägt, obwohl der Tumor der Patientinnen hormonrezeptorpositiv ist. Lässt sich das vorab testen? Und welche Therapieoption haben die Frauen, bei denen die Therapie nicht anspricht?

Das sind wichtige Fragen. Die weit verbreitete Testung eines Schlüsselenzyms des Tamoxifen-Stoffwechsels, des CYP2D6, wird aus meiner Sicht leider von vielen Patientinnen überschätzt. Die vorliegenden Daten spiegeln den „gefühlten Sicherheitseffekt“ nicht wider. Der Test findet daher keine Unterstützung der Leitlinienkommissionen in Deutschland.

Gelegentlich wird Frauen, bei denen die antihormonelle Therapie nicht anschlägt, empfohlen, die Tamoxifen-Dosis zu erhöhen oder in der Prämenopause auf einen Aromatasehemmer zu wechseln. Das ist leider kein guter Rat und sollte nicht erfolgen.

Auf dem weltweit größten Krebskongress, dem Kongress der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie (ASCO), wurden im Juni 2014 erstmals zwei lang erwartete Studien (SOFT und TEXT) zur antihormonellen Therapie bei jungen Frauen in der Prämenopause (Beginn der Wechseljahre) vorgestellt. Beide Studien hatten bei mehr als 5.000 prämenopausalen Frauen die Frage untersucht, ob der Einsatz des Aromatasehemmers Exemestan in Kombination mit einem GnRH-Analogon zur zeitweiligen Ausschaltung der Eierstockfunktion der Kombination „Tamoxifen und Ausschaltung der Eierstockfunktion“ überlegen ist. Bisher galt der Einsatz von Aromatasehemmern in der Prämenopause in Kombination mit Ausschaltung der Eierstockfunktion nicht als mögliche Therapieoption.

Die Studien zeigen, dass durch eine entsprechende fünfjährige adjuvante Therapie tatsächlich eine Verbesserung des krankheitsfreien Überlebens, wenn auch nicht des Gesamtüberlebens erzielt werden kann. Diese Information hat weltweit großes Aufsehen erregt. Aus meiner Sicht kann dieses Studienergebnis zwar noch nicht ab morgen als neuer Therapiestandard bei hormonrezeptor-positiven Brustkrebserkrankungen angesehen werden, aber doch als eine Therapiealternative, falls die Tamoxifen- Therapie nicht vertragen wird oder andere Kontraindikationen (Gegenanzeigen) bestehen.

Welche Therapiekonzepte gibt es für Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem Mammakarzinom nach den Wechseljahren?

Lassen Sie mich die drei grundsätzlichen Behandlungsmöglichkeiten aufzählen:

  1. Therapie mit Tamoxifen oder einem Aromatasehemmer für die Dauer von fünf Jahren
  2. Klassische Sequenztherapie: Beginn mit Tamoxifen für zwei bis drei Jahre gefolgt von einem Aromatasehemmer für die restliche Zeit bis die fünf Jahre der adjuvanten endokrinen Therapie abgeschlossen sind.
  3. Inverse Sequenztherapie: Beginn mit einem Aromatasehemmer für zwei bis drei Jahre gefolgt von Tamoxifen für die restliche Zeit bis die fünf Jahre der adjuvanten endokrinen Therapie abgeschlossen sind.

Frauen mit einem niedrigen Rückfallrisiko kann eine fünfjährige Tamoxifentherapie empfohlen werden. Frauen, die ein hohes Rückfallrisiko (befallene axilläre Lymphknoten, schlechtes Grading etc.) aufweisen und für die eine Chemotherapie aus welchen Gründen auch immer nicht indiziert ist oder nicht gewünscht wird, können zunächst mit einem Aromatasehemmer behandelt werden, um dann entweder diese Therapie für die Dauer von fünf Jahren beizubehalten, oder nach zwei bis drei Jahren auf Tamoxifen zu wechseln (inverse Sequenz) oder eben genau umgekehrt.

Die Studie, in der sich diese drei Optionen ergeben haben, war für uns sehr wichtig, um gerade bei behandlungsbedingten Beschwerden einen Therapiewechsel sicher vertreten zu können.

Frauen mit Brustkrebs, in deren Krebszellen eine erhöhte Konzentration des Proteins HER2 festgestellt wird, erhalten eine andere Therapie als Patientinnen, die diese Auffälligkeit nicht aufweisen. Müssten nicht alle Brustkrebs- Patientinnen frühzeitig auf das HER2-Protein getestet werden?

Nach der Etablierung der Hormonrezeptoren als einem wichtigen prognostischen und prädiktiven Faktor der Brustkrebstherapie, durch den ja die antihormonelle Therapie implementiert (eingeführt) wurde, ist der nächste Meilenstein sicherlich die Entdeckung des Her2/neu-Rezeptors und seine therapeutische Bedeutung. Die Bestimmung des Her2/neu- Rezeptorstatus gehört daher heute zur Standard-Diagnostik des Mammakarzinoms und sollte in jedem Fall erfolgen.

In allen Phasen der Brustkrebsbehandlung finden wir 15 bis 20 Prozent der Mammakarzinome, die dieses Signal haben. Durch die Behandlung mit dem Antikörper Trastuzumab, der heute entweder intravenös oder aber subcutan (unter die Haut) appliziert werden kann, haben wir einen echten Durchbruch in der Behandlung dieses prognostisch ungünstigen Karzinoms erzielen können.

Frauen unter 40 werden häufig neben Tamoxifen zusätzlich mit GnRH-Analoga behandelt, die die Eierstockfunktion hemmen. Wird diese Kombination nach wie vor als sinnvoll erachtet?

Die Unterdrückung der Eierstock-Funktion ist ein wesentlicher Bestandteil der antihormonellen Therapie bei jungen Frauen. Der alleinige Einsatz von GnRH-Analoga, die diese Funktion ausüben können, ist therapeutisch allerdings nicht ausreichend. Hier ist zusätzlich der Einsatz von Tamoxifen erforderlich.

Die optimale Therapiedauer wird für diese Kombinationstherapie derzeit mit zwei bis fünf Jahren angegeben. Sollten die Regelblutung bei den jungen Patientinnen aber bereits durch eine vorangegangene Chemotherapie erloschen sein, so ist der Einsatz von GnRH-Analoga nicht sinnvoll.

Frauen vor den Wechseljahren wird in jedem Fall Tamoxifen empfohlen, da Studien gezeigt haben, dass sie nicht von einem Aromatasehemmer profitieren, auch nicht in Verbindung mit GnRH-Analoga.

Studien haben gezeigt, dass viele Frauen die medikamentösen Langzeittherapien aufgrund der Nebenwirkungen frühzeitig abbrechen. Gibt es Möglichkeiten, die Nebenwirkungen zu reduzieren?

Wir wissen, dass bereits im ersten Einnahmejahr mehr als 30 Prozent der Frauen ihre Medikamente nicht mehr einnehmen und für diese Entscheidung häufig die Nebenwirkungen ausschlaggebend sind. Bei den Aromatasehemmern sind dies meistens Gelenk- und Muskelbeschwerden. Sollten hier geeignete Schmerzmittel und körperliche Übungen nicht ausreichen, so kann, wie oben bereits dargestellt, in der adjuvanten (unterstützenden) Situation auf Tamoxifen gewechselt werden.

In einigen Fällen kann es hilfreich sein, den benutzten Wirkstoff von einem anderen Hersteller zu beziehen, denn nahezu alle der eingesetzten Medikamente sind heute Generika, also Nachahmerpräparate, und können somit ausgetauscht werden. Aber auch hier gilt es, keine Selbstversuche zu unternehmen. Es sollte vielmehr das Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker gesucht werden.

Heute wird viel über „personalisierte Therapie“ gesprochen. Was verstehen Sie darunter? Führen diese Therapieansätze tatsächlich zu einer verbesserten Überlebenszeit bzw. Lebensqualität für Patientinnen?

DAS MAMMAKARZINOM gibt es nicht mehr. Wir wissen heute, dass es viele unterschiedliche Karzinome gibt, die alle unterschiedliche Eigenschaften haben. Wir können Brustkrebs daher auch nicht mit einer Therapie „von der Stange“ behandeln. Ein „therapeutischer Maßanzug“ ist erforderlich, der den Wunsch der Patientin, deren Vorerkrankungen und bestehende Medikationen, aber noch viel mehr die zu erwartende Lebensqualität berücksichtigen muss.

So kann in manchen Fällen eine antihormonelle Therapie mit den gleichen Ergebnissen aufwarten wie eine Chemotherapie. Über die unterschiedlichen Lebensqualitäten brauchen wir da ja gar nicht zu sprechen. Oder nehmen wir die Her2/neu-Überexpression eines Karzinoms. Hier ist eine Chemotherapie und in einigen Fällen auch eine Antihormontherapie erforderlich, um den vollen therapeutischen Nutzen der Antikörpertherapie zu ermöglichen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Brustkrebsbehandlung in Deutschland?

In den vergangenen Jahren ist das Überleben nach einer Brustkrebserkrankung deutlich verlängert worden – in Deutschland, aber auch weltweit. Die Diagnostik, die Operation und auch die Strahlentherapie haben unglaubliche Verbesserungen erfahren. Auch beim metastasierten Mammakarzinom beobachten wir heute erfolgreiche Verläufe über Jahre und Jahrzehnte. Das macht mir Mut und das versuche ich in jede Therapieplanung mit einfließen zu lassen. Aber wenn eine Patientin eine Therapie nur „mitmacht“, ohne wirklich motiviert zu sein, dann ist es absehbar, dass sie diese über kurz oder lang abbricht, z.B. weil Nebenwirkungen auftreten oder weil sie sich wieder gesund fühlt und nicht mehr an das Thema Krebs erinnert werden möchte. Daher ist es so wichtig, dass wir Ärzte unsere Patientinnen sehr gut informieren: über die möglichen Behandlungsoptionen, die Funktionsweise der Therapien, die Bedeutung der Nachsorge und die Möglichkeiten der Selbsthilfe.

Das alles zusammen braucht es, damit die Betroffenen sich gut betreut fühlen und ihr Leben wieder genießen können. Dazu wünsche ich Ihren Leserinnen und Lesern die erforderliche Kraft.

Sehr geehrter Herr Prof. Jackisch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Sprachlos bei Trauer - Von der Hilflosigkeit im Umgang mit Trauernden

Quelle: Zeitschrift der Frauenselbsthilfe „perspektive“ 01/2016, S. 8 ff. (PDF-Version im Original)

Sprachlos bei Trauer

Von der Hilflosigkeit im Umgang mit Trauernden

Der Umgang mit Trauernden fällt den meisten Menschen nicht leicht. Wir alle möchten gern unterstützen und helfen, wo wir nur können. Aber häufig wissen wir nicht wie. Dr. Sylvia Brathuhn ist von Beruf Trauerbegleiterin und beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit dem Thema Umgang mit Tod und Trauer in unserer Gesellschaft. Im folgenden Interview erläutert sie, warum wir heute häufig mehr Schwierigkeiten im Umgang mit Tod und Trauer haben als früher und wie trauernde Menschen unterstützt werden können.
Viele Menschen fühlen sich unsicher und hilflos im Umgang mit Trauernden. Fehlen uns Rituale?

Der Gemeinschaftscharakter, dass jeder weiß, wie er sich zu verhalten hat, ist in unserer entritualisierten Welt gerade im Bereich Trauer rar geworden. Denken Sie an den Wunsch in Traueranzeigen „von Beileidsbezeugungen bitten wir Abstand zu nehmen“. Der einfache Händedruck und das in die Augen schauen beim Beileidsbezeugen am Grab, diese Verbindung zum Anderen ist dann nicht mehr da. Auf der einen Seite steht die Familie am Grab alleine, auf der anderen Seite steht die Trauergemeinde. Keiner weiß so richtig, wie er sich verhalten soll.

Rituale geben Sicherheit und Orientierung, sie können hilfreich sein, wenn sie denn gewachsen und passend sind. In unserer zunehmend individualisierten Gesellschaft ist Autonomie wichtig. Rituale aus früheren Zeiten werden teilweise als Einengung empfunden. Man will keine mitleidigen Blicke auf der einen Seite, auf der anderen Seite ist das große Gefühl der Einsamkeit da, weil genau das, was man nicht will, eigentlich gebraucht wird. Da ist ein unermesslicher Zwiespalt in den Trauernden. Wenn man diesen Zwiespalt offenlegt, kann man ihn möglicherweise auch auflösen.

Ist es schlimm, wenn die Worte fehlen?

Wir Menschen haben ständig das Gefühl, wir müssen eine Situation mit Worten füllen. Wenn man jedoch die Situation des Trauernden sieht, dann ist sie ja von Schweigen gekennzeichnet. Da ist das Schweigen desjenigen, der gestorben ist. Da ist das Schweigen, das im Trauernden ist, das keine Worte findet für den Schmerz, den er fühlt. Da wäre doch zu überlegen, ob nicht das mitfühlende Schweigen im Sinne von „verbunden sein“ eine adäquate Begleitform wäre. Wir sollten nicht immer das Gefühl haben, das Köfferchen auszupacken, in dem die jeweiligen Tröstungsversuche sind.

Was sind die bedeutendsten Probleme, denen Trauernde begegnen?

Eine der größten Herausforderungen ist zu realisieren, was geschehen ist. Allein das ist eine riesige Herausforderung. Das Leben wird nie wieder so sein, wie es war. Wenn Trauernde sich diese Erkenntnis Schritt für Schritt erschließen, dann müssen sie ihr Leben neu strukturieren, auch ganz praktisch. Es kommen unglaublich viele alltägliche Herausforderungen auf sie zu, praktische Aufgaben, die sie nun alleine erledigen müssen. Hinzu kommt die Frage „Kann ich dem Leben wieder vertrauen?“

Auf ihrem Weg, sich das Leben neu zu erschließen, nutzen Menschen die unterschiedlichsten Strategien. Um an ihrem Schmerz nicht zugrunde zu gehen, versuchen manche weiterzuleben wie bisher. Andere müssen ständig aktiv sein – oder das Gegenteil. Es wäre ein Auftrag an Mitmenschen, zu verstehen, dass es tief im Inneren des Trauernden ein Wissen gibt, was gerade im Moment richtig für ihn ist. Wir bewerten aber. Wir sollten verstehen: Genau dieses Verhalten – unabhängig davon, wie fremd es mir als Gegenüber gerade erscheint – braucht die Seele in diesem Moment, um wieder Fuß fassen zu können.

In manchen Kulturen gibt es eine definierte Trauerzeit. Auch in Deutschland wird oft erwartet, dass die Trauer nach einigen Monaten vorüber sein sollte.

Das ist furchtbar für Trauernde. Sie haben ja selbst den Wunsch, ihre Trauer hinter sich zu lassen. Sie sagen: „Ich möchte wieder lachen können.“ Nur, das ist ihr eigener Wunsch, ihr eigenes Tempo. Wenn es von außen aufgedrückt wird, dann spüren Trauernde, dass der unermessliche Verlust, den sie erlitten haben, von außen gar nicht gewürdigt wird.

Philipp Ariès, ein Philosoph, der sich mit dem Tod im Abendland beschäftigt hat, sagt, dass wir dem Menschen heutzutage durchaus zubilligen öffentlich zu trauern: Sechs Wochen öffentlich und dann möglichst nur noch hinter verschlossenen Türen.

Letztlich ist es so: Immer da, wo der Tod nicht meinen Lebensmittelpunkt trifft, werde ich zwar anfangs erschüttert sein, werde mitfühlen, gehe aber dann weiter in meinem Lebensfluss und verliere den anderen, den Trauernden, aus dem Blick. Wenn ich mich dann irgendwann wieder umdrehe und er ist noch immer in Trauer, verstehe ich das nicht. Die Wissenschaft sagt, bei einer normal schweren Trauer liegen drei bis fünf Jahre völlig im Bereich des Normalen. Wir können uns vorstellen, wie einsam sich Trauernde angesichts dieser Tatsache oft fühlen müssen.

Menschen berichten von besonderen Erlebnis- sen während ihrer Trauer. Wie deuten Sie dies?

Es ist ein häufiges Phänomen, dass Trauernde berichten, den Verstorbenen gesehen zu haben. Es gibt im Trauernden eine starke innere Präsenz des Verstorbenen. Dieser Mensch ist ein Teil von ihm geworden. Er hat sich in ihn hineingelebt und geliebt. Aber es gibt eine äußere Absenz. Ich glaube, dass dieses Erscheinungsbild, das aus dem Inneren aufsteigt, das sich sichtbar machen will, als ein Selbstheilungsversuch der Seele gesehen werden darf, sich schrittweise an das Nichtmehrdasein des geliebten Menschen zu gewöhnen. Ich werte dies als etwas sehr Gesundes. Ist diese Erscheinung für den Trauernden ein gutes Erlebnis, sage ich „wunderbar“.

Kann Trauer bewältigt werden?

Bewältigung bedeutet „gewaltsam unter Kontrolle bringen“. Trauer ist ein Selbstheilungsprozess, es ist keine Krankheit. Trauer währt ein Leben lang. Die Art und Weise, wie wir lernen mit ihr zu leben und den Verlust in unser Leben integrieren, das ist das Wichtige. Darauf kommt es an. Liegt in der Trauer eine Chance? Wenn ich dieses tiefe Tal durchlaufen habe, mich dann umblicke, kann ich vielleicht sagen, ich habe eine neue Sicht auf mein Leben gewonnen. Diese Chance wird meist erst im Rückblick deutlich. Selbst wenn die Beziehung zu dem Verstorbenen schlecht war, ist meist erst einmal nur Schmerz vorhanden. Erst später kann gesagt werden: „Ja, nun lebe ich mein Leben anders. Vielleicht vertiefter, vielleicht bewusster, doch auf jeden Fall ist es für immer anders.“

Wie können wir trauernde Menschen unterstützen?

Wir leben, als wären wir von der Unsterblichkeit geküsst. Ganz wichtig ist es darum folgendes wahrzunehmen: Da ist ein Mensch, dem etwas widerfahren ist, von dem sein Herz – obgleich er vom Kopf her weiß, dass so etwas geschehen kann, – ausgegangen ist, dass es nie geschehen wird. Philosophen sagen „Das Unmögliche ist zur Möglichkeit geworden.“

Zu verstehen, dass etwas sehr Leidvolles geschehen ist, bedeutet, dass man von vor- schnellen Tröstungsversuchen absieht. Man sollte Menschen ernst nehmen darin, dass das, was ihnen widerfahren ist, keinen Trost finden kann. Wir versuchen sehr schnell, den Blick des trauernden Menschen von der Trauer abzuwenden, weil wir ihn wieder gerne „normal“ haben möchten. Eine gute Unterstützungsmöglichkeit wäre es, anzuerkennen, dass sich dieser Mensch in einem seelischen Ausnahmezustand befindet. Wenn man das versteht, kann man versuchen mitzufühlen, mitzugehen, dabei zu sein.

Wichtig ist auch die ganz praktische Unterstützung. Connie Palmen, eine niederländische Autorin, beschreibt, wie sie neun Monate von ihren Freunden durchs Leben getragen wurde. Jeder tat etwas. Einer brachte jeden Tag eine Suppe, ein anderer schrieb jeden Morgen ein Fax. Solche Hilfen sind in der Leere, die durch den Verlust eines Menschen entsteht, eine wichtige Stütze. Wir alle sind liebende Wesen. Und so sind wir Wesen, die auch trauern.

Liebe und Trauer gehören zusammen. Trauer ist eine Wertantwort auf den Verlust des geliebten Menschen. Damit ist sie etwas zutiefst Gesundes. Das größte Geschenk, das wir einem trauernden Menschen machen können, ist, ihn anzusehen, ihm zuzuhören und sich innerlich berühren zu lassen. Ihn wahrzunehmen und auch dann noch zu bleiben, wenn der Trauernde immer wieder dasselbe sagt. Deshalb empfehle ich allen, die gut für Trauernde da sein wollen: Schaut hin, schaut nicht weg, sprecht an, versucht nachzufühlen, seid da!

Mehr Sicherheit bei schwierigen Entscheidungen?

Quelle: Zeitschrift der Frauenselbsthilfe „perspektive“ 01/2016, S. 14 ff. (PDF-Version im Original)

Ärztliche Zweitmeinung

Mehr Sicherheit bei schwierigen Entscheidungen?

Wenn Menschen eine Krebsdiagnose erhalten, dann stehen ihnen meist gravierende Therapien oder Operationen bevor. Wir haben Prof. Dr. Hans-Helge Bartsch vom Universitätsklinikum Freiburg, Klinik für Onkologische Rehabilitation, und Mitglied unseres Fachausschusses gefragt, wann es sinnvoll sein kann, sich vor Therapiebeginn eine zweite Meinung einzuholen.
Gibt es Erfahrungswerte, was Patienten veranlasst, sich eine zweite Meinung einzuholen?

Die Motive von Patienten, sich eine zweite Meinung einzuholen, sind sehr vielschichtig. Wenn eine Krebserkrankung erstmals festgestellt wurde, ergibt sich oft eine Fülle von Fragen, die nicht selten erst nach Verlassen der Arztpraxis oder Klinik auftauchen, wenn der erste Schock vorüber ist. In diesen Fällen können in einer zweiten Beratung einerseits Wissenslücken geschlossen werden, gleichzeitig aber auch das bis dahin empfohlene Vorgehen weiterer Diagnostik oder einer Behandlung nochmals an anderer Stelle hinterfragt werden.

Sehr häufig besteht das Bedürfnis nach einer Zweitmeinung jedoch gerade bei komplizierten Erkrankungssituationen. Insbesondere wenn ein Krankheitsrückfall oder eine Metastasierung (Krebszellstreuung) eingetreten ist, kommt der Abwägung zwischen Nutzen und Risiko/Belastung für die Patienten eine große Bedeutung zu. Dabei spielt neben dem rein medizinisch Machbaren die Bewertung weiterer Erkrankungen (Komorbidität) und vor allem die Beeinflussung der Lebensqualität eine große Rolle. In diesen Situationen ist es besonders naheliegend eine zweite Meinung einzuholen.

Was spricht dafür, sich als Patient eine zweite Meinung zu einem Behandlungsvorschlag einzuholen?

Trotz der Fortschritte in der Krebstherapie und dem Bemühen, wissenschaftlich gesicherte Behandlungsempfehlungen in Therapieleitlinien festzuhalten, gibt es nicht selten Erkrankungssituationen, die sich nicht einfach „nach Schema F“ einordnen lassen. Gerade dann spielt das Expertenwissen und die Erfahrung eine zentrale Rolle, was sich nicht unbedingt in standardisierten Leitlinien komplett abbilden lässt. Hier kann die Einholung einer zweiten Meinung sinnvoll sein, um entweder eine Therapieempfehlung von unabhängiger Stelle bestätigt zu sehen, oder aber auch mögliche Therapiealternativen zu finden.

Wann sollte auf jeden Fall eine zweite Meinung eingeholt werden. Gibt es bestimmte Gründe/Indizien, die dafür sprechen?

Immer dann, wenn aufseiten der betroffenen Patientin eine Verunsicherung besteht. Diese kann z.B. aus dem Erlebnis resultieren, dass sich schon im Verlauf der Diagnosestellung Widersprüche ergeben haben; aber auch aus der Korrektur einer zunächst gegebenen Therapieempfehlung durch das Tumorboard (Konferenz, in der Facharzt übergreifend die Behandlung eines Patienten besprochen wird). Gerade diese Therapieempfehlung wird von Patienten nicht selten wie ein „Gerichtsurteil“ wahrgenommen. Eine Korrektur ruft starke Verunsicherung hervor, die sich durch eine Zweitmeinung klären lässt.

Wie sollte ein Arzt mit dem Wunsch nach einer Zweitmeinung umgehen?

Meiner Meinung nach gehört zur Qualität eines fachlich und persönlich souveränen Arztes, Patienten bei Bedarf auf die Möglichkeit des Einholens einer Zweitmeinung hinzuweisen. Am besten mit dem konkreten Hinweis auf mögliche Anlaufstellen.

Welche Pflichten hat mein Arzt, wenn ich mir eine zweite Meinung einholen möchte und was benötige ich für eine medizinische Zweitmeinung?

Um eine fundierte Einschätzung der jeweiligen Krankheitssituation abgeben zu können, sind aussagefähige Unterlagen, beginnend mit der ursprünglichen Diagnosestellung, möglichst mit Kopien der feingeweblichen Befunde (Patho-Histologie) und dem weiteren Behandlungsverlauf erforderlich. Auf die Herausgabe von Kopien dieser Unterlagen hat jeder Patient ein gesetzlich verankertes Anrecht, was heutzutage aber auch kein Problem mehr darstellt. Sinnvoll ist es in jedem Fall, wenn Patienten ihre eigene „Krankenakte“ führen. Dann haben sie immer alle wichtigen Dokumente griffbereit. Die persönliche Krankenakte sollte auch die auf CDs gespeicherten Bilder der bildgebenden Untersuchungen (Computertomografie, Kernspintomografie, Sonografie, u.v.a.) enthalten.

Wo finde ich den passenden Arzt für die zweite Meinung?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn wer ist „der passende Arzt“? Derjenige, der letztlich genau das sagt, was ich mir wünsche? Oder derjenige, der mir schwierige Sachverhalte gut erklären und ein geplantes Vorgehen überzeugend begründen kann? Oder derjenige, der nachweislich eine große Erfahrung in der Behandlung genau meiner Erkrankung besitzt? Ich glaube, es gibt auf diese Frage keine einfache Antwort.

Hilfreich ist es, sich sowohl auf den Webseiten der großen Fachgesellschaften wie der Deutschen Krebsgesellschaft oder auch der Informationsdienste z.B. der Deutschen Krebshilfe oder des Krebsinformationsdienstes (KID) umzusehen. Aber ebenso kann der Rat des verantwortlichen Behandlers und seiner Erfahrung mit Zweitmeinungsgutachten eine wertvolle Entscheidungshilfe sein. Bei der Suche nach einer kompetenten Zweitberatung hilft auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) mit ihren regionalen Beratungsstellen und einem bundesweiten Beratungstelefon: 08000 – 11 77 22 (gebührenfrei aus allen Netzen).

Fallen für mich Kosten an, wenn ich eine zweite Meinung einhole?

Rein rechtlich dürfen Patienten eine Zweitmeinung bei einem weiteren Facharzt einholen. Inzwischen bieten zahlreiche gesetzliche und private Krankenkassen ihren Versicherten diese Leistung an. Die Einholung der Zweitmeinung kann sowohl über telefonische Beratung als auch durch Überweisung an entsprechende Fachärzte erfolgen. Meist werden den Versicherten explizit Berater genannt. Es lohnt sich jedoch genau hinzusehen, welche Leistung jeweils durch die Versicherung abgedeckt ist. Gerade im Bereich der Krebserkrankungen sind umfangreichere Beratungsszenarien – wenn man z.B. ein interdisziplinäres Ärzteteam zu Rate ziehen möchte – nicht zwangsläufig mit dem Versicherungsschutz abgedeckt.

Was mache ich, wenn die ärztlichen Meinungen von einander abweichen?

Unsere Erfahrungen zeigen, dass bei weniger als 30 Prozent der Patienten, die sich eine zweite Meinung einholen, eine Diskrepanz zwischen den ärztlichen Empfehlungen zum weiteren diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen vorliegt. In einer solchen Situation empfiehlt es sich, mit dem Arzt des primären Vertrauens den Widerspruch offen zu erörtern und die jeweiligen Argumente mit ihm gemeinsam zu bewerten.

Sehr geehrter Herr Prof. Bartsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.